Zwei Kabinettscheiben

Am 7. Mai 1840 marschierte eine kleine Gruppe über den unteren Schlosshof des Homburger Schlosses. Bewaffnet war der Trupp mit einem großen Schlüsselbund. Ziel war die Wohnung der im Januar verstorbenen Landgräfin Elisabeth. Das Appartement der englischen Landgräfin lag in schummrigem Licht, als ob es Eliza eben erst verlassen hätte. Die Expedition bestand unter anderem aus Elizas treuer Seele Mrs. Brawn, dem Haushofmeister Wiesenbach und dem Archivrat von Tietzenhofer. Schränke wurden geöffnet, Kommoden durchsucht und an allen Türen gerüttelt. Warum aber dieser Aufwand, der mehrere Seiten einer alten Akte im Staatsarchiv Darmstadt füllt?

Wollte man Spuren verwischen, geheime Briefe finden oder war man auf der Suche nach Gold und Juwelen? Es war ganz anders. Seit fast fünf Jahren wurde am neuen großen Speisesaal im Königsflügel gearbeitet und eigentlich war alles so gut wie fertig. Der Landgraf erinnerte seinen Haushofmeister an folgendes: „… die in den Appartements der Höchstseel. Frau Landgräfin Elisabeth K. H. aufbewahrten für die Ausschmückung des neuen Saals bestimmten Glas-Tafeln zu Händen zu nehmen.“ Endlich fand die Kammerfrau die gesuchten Scheiben. Große Freude und Erleichterung bei allen Beteiligten.

Die Homburger Wappen zieren noch heute die Fenstertür im Speisesaal. Einzig ein kleiner Schrank war nicht zu öffnen und niemand hatte den Schlüssel. Nichts macht neugieriger als ein verschlossener Schrank in einem alten Schloss! Drei Tage später wurde die Suche fortgesetzt, diesmal begleitet vom Prinzen Gustav höchstpersönlich. Nun hatte man genügend Schlüssel aufgetrieben und fand vierzehn weitere von der Landgräfin bemalte Glasscheiben. Darunter waren zahlreiche Stücke auf denen farbige Rosetten gemalt waren. Eigentlich sollten diese auch den Speisesaal schmücken. Vielleicht reichte die Anzahl nicht aus, oder man überlegte es sich anders, doch im „Englischen Flügel“ in einem kleinen Durchgangszimmer befindet sich heute noch ein kleines rundes Fenster, dass gerne übersehen wird. Darin eingebaut: zahlreiche bunte Rosetten auf Glas gemalt. 

Rosettenscheibe, Landgräfin Elizabeth von Hessen-Homburg (1770–1840), zugeschrieben, vor 1840, bemaltes Flachglas, 55 x 56,5 cm, Staatliche Schlösser und Gärten Hessen, Schloss Homburg, Inv.-Nr. 4.2.1381
© Uwe Dettmar
Wappenscheibe, Landgräfin Elizabeth von Hessen-Homburg (1770–1840), zugeschrieben, vor 1840, bemaltes Flachglas, 40,5 x 37,5 cm, Staatliche Schlösser und Gärten Hessen, Schloss Homburg, Inv.-Nr. 4.2.204
© Uwe Dettmar